Lahnsteinerinnen erzählen aus der Silvesternacht von Köln: „Wurden mit den Augen ausgezogen“

Der Schreck ist den beiden Frauen auch noch Tage nach den Ereignissen am Hauptbahnhof von Köln anzuhören. Gaby S. (49) und ihre Tochter Sarah S. (22) aus Lahnstein waren in der Silvesternacht zu Fuß auf dem Weg zum Hotel, als sie aus einer größeren Gruppe von Männern angegriffen wurden – und das war nur einer von mehreren Vorfällen. Die Frauen schildern mir die Ereignisse.

Von Marcus Schwarze

Die beiden hatten in einem Brauhaus der Familie im größeren Kreis in Köln Silvester gefeiert. Um kurz vor Mitternacht geht man auf die Straße, verfolgt das Silvesterfeuerwerk. Anschließend zieht sich die Gruppe im Haus in der Altstadt zurück. Um 2.20 Uhr verlassen die beiden Frauen die Privatveranstaltung. Der Alter Markt, wo sie vorbeikommen, ist nach vor mit Menschen belebt. Größtenteils ausländisch erscheinende Männer, offenbar arabischen Ursprungs, sind hier eng versammelt.

Plötzlich tritt aus einer Gruppe von Männern einer hervor. „Erst hat er mich mit seiner Zigarette gestreift, dann ging er auf meine Mutter zu und hat ihr an den Po gefasst“, sagt die 22-Jährige Tochter. Die Hotelfachfrau geht dazwischen und wird laut, schubst ihn weg.

„Auf einmal stand er vor mir“, erzählt auch die Mutter, „ich dachte zunächst, das wäre einer von diesen ,Antänzern’, die einen beklauen wollen“, sagt die 49-Jährige. Er umarmt sie, sie wehrt sich. Die Frauen schreien. „Verpiss Dich!“, fordert die Tochter, die Mutter schubst den Mann weg. Ein paar Umstehende bekommen den Vorfall wohl mit, es reagierte aber niemand. „Man soll ja laut werden, in solchen Situationen“, sagt die Mutter später. Die Tochter und der Mann rangeln kurz miteinander. Dann zieht die ältere der Frauen die jüngere aus dem Gerangel.

In großer Angst, wie sie gestern sagen, flüchten die beiden in die nahegelegene U-Bahn. „Ich hatte Panik, dass der uns hinterherläuft“, schildert die 22-Jährige. Dort treffen die beiden Frauen erneut auf eine Menschenmenge. Aus dieser Gruppe heraus wird das Duo erneut gedemütigt: „Schlampe“ und „Ficki, Ficki“ wird den beiden zugerufen. „Da wurden wir mit den Augen regelrecht ausgezogen“, schildert die jüngere der beiden Frauen. Sie beide seien gewiss nicht aufreizend gekleidet gewesen, sagt die Mutter. Sie beschreibt flache Schuhe, Schal, Mantel, blaue und graue Jeans. Die beiden sind heilfroh, als sie aus dem Gewühl endlich gegen 3 Uhr ins Hotel kommen. Im Internet erfahren die beiden am nächsten Tag, dass sie nicht die einzigen waren, die belästigt wurden. Per E-Mail melden sie sich bei der Polizei, erstatten schließlich Anzeige.

Gaby und Sarah S. sind mit dem Schrecken davongekommen. Anders als Annemarie F.*: Die junge Frau aus Altenkirchen war mit zwei Freundinnen aus Flammersfeld und Roth bei Hamm in Köln, hat in Kneipen in der Altstadt Silvester gefeiert. Gegen Mitternacht haben die drei Frauen, alle im Alter zwischen knapp unter 30 und 37, sich am Dom versammelt. Wie eine Bekannte der drei erzählt, wurden die drei dann am Bahnhof durch eine Gruppe von Männern voneinander getrennt und eingekesselt. „Das war, als wäre man Ware auf dem Markt, als wäre man Fleisch“, erzählt die Bekannte und beschreibt so die Blicke der Männer. Annemarie F. wurde überfallen und vergewaltigt. Mittlerweile befindet sich die Frau in einer Klinik in Altenkirchen.

Der Polizeipräsident von Köln, Wolfgang Albers, sagt später, dass es 90 Anzeigen gegeben hat. Er ruft dazu auf, dass sich weitere Betroffene melden sollen. Auch weitere Zeugen sind gefragt.

Eine Zeugin berichtet von den chaotischen Zuständen auf den Gleisen im Kölner Hauptbahnhof, kurz nach Mitternacht. „Ich stand eingekeilt in einer Menschenmenge von gefühlt 90 Prozent Männern arabischen Ursprungs“, berichtet Regina Sch. auf ihrer Facebook-Seite. Die Bahn hatte alle Gleise gesperrt, weil die Bahnsteige überfüllt waren und Menschen über die Gleise gingen. Nach Angaben von Sch. waren einzelne Männer betrunken und torkelten, einige saßen benommen in der Ecke oder übergaben sich.

Dennoch erlebte Sch. anders als viele andere Frauen keine Übergriffe: „Die Männer um mich herum – und das waren sehr, sehr viele -, haben sich sehr bemüht, mir trotz des Gedränges nicht zu nahe zu kommen, mehr noch, sie haben mich mit den Armen abgeschirmt gegen die Leiber, die von allen Seiten herangeschoben wurden.“ Über Stunden wartete sie darauf, dass sie weiterreisen konnte und die Gleise für die Züge wieder freigegeben werden sollten. Nach ihren Angaben waren beim gemeinsamen Warten die Männer sehr freundlich, haben die Situation bedauert und versucht, sich mit Händen und Füßen zu vermitteln. Nicht jede Frau hat in dieser Nacht dieses Glück gehabt. Und ob die Frauen noch einmal unbeschwert in Köln am Hauptbahnhof ankommen können, ist fraglich. „Jetzt kommt Karneval“, sagt Sarah S. aus Lahnstein und seufzt.

*Namen sind geändert

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